Thema ist die Untersuchung des marokkanischen Gnawa-Kultes. Der Referent begleitete ein Jahr lang eine Gnawa-Gruppe und wurde dabei als Trancetänzer in den Kult initiiert. Zu einer Kultgemeinschaft gehören vier männliche Musikanten, die Gnawa und eine Schuwwafa, eine Wahrsagerin. Dazu kommen die Muhibbas, die Anhänger, die Adepten des Kults. Die Gnawa-Musikanten treten tagsüber als Schausteller, nachts als Geisterbeschwörer auf. Die Schuwwafas fungieren als Seelsorger primär für Frauen, bei den Heilzeremonien fungieren sie als Medien der krankheitsverursachenden Geister. Jeder Marokko-Reisende kennt die schwarzen Schausteller, die sich zu dem Rhythmus ihrer Eisenklappern wie ein Wirbelwind um die eigene Achse drehen. Ursprünglich als schwarze Sklaven aus dem ehemaligen Guinea, dem heutigen Mali nach Marokko gekommen, sind sie heute die Träger eines Besessenheitskultes.
Der Referent beschreibt den religiösen Kult der Trancemusikanten und ihrer Wahrsagerinnen, die ohne einander nicht existieren können: die Wahrsagerinnen sind für die Diagnose der Besessenheit durch die Geister zuständig - insgesamt können sie über 100 verschiedener Geister benennen, die sie für alle Arten psychosomatischer Krankheiten verantwortlich machen. Die Musikanten wiederum verfügen über die magische Kraft, die Geister durch ihre Musik herbeizuzwingen. Bei der Séance zur Besänftigung der Geister agiert die Wahrsagerin dann als Medium der Geister und verfällt zur Musik der Gnawa in rasende Trance, während der sie den Besessenen ?wahr sagt?. Die Erkenntnisse über den Kult erhielt der Autor durch einen einjährigen Forschungsaufenthalt in Meknes, während dem er soweit das Vertrauen der Kultteilnehmer gewann, dass er auf der Stufe eines Trancetänzer initiiert wurde.
Nur durch diesen Forschungsansatz der aktiven Wahrnehmung einer Position innerhalb der Kultgemeinschaft war es möglich, die Bedeutung von Trance und Besessenheit für die Akteure und Teilnehmer des Gnawa-Kultes richtig einzuordnen. Der Diavortrag zeigt die einzelnen Stadien seiner teilnehmenden Beobachtung. Literatur: F. Welte, Der Gnawa-Kult. V. Crapanzano, Die Hamadsa. Eine ethnopsychiatrische Untersuchung in Marokko.